Recap 11. frei – wieder

Ich drücke meine Nase in den weichen Stoff ihres Pullovers. Wir schaukeln sanft vor und zurück in meinem kleinen Zimmer mit den großen Fenstern. Im Hintergrund zählt Tom Rosenthal bis 157. Es ist als wäre keine Zeit vergangen. Die Umarmung ist genau wie alle anderen davor und gleichzeitig ist diese Umarmung für uns mehr wert als jede andere in den vergangenen Jahren. Denn es ist 18 Tage her, dass ich einer anderen Person zuletzt so nahe war. Wir können es beide kaum glauben. Immer wenn wir uns voneinander lösen, fallen wir uns sofort wieder in die Arme. In 11 Minuten und 56 Sekunden – vielleicht etwas mehr, vielleicht etwas weniger.

Als ich danach in der Küche Kaffee mache, wird mir klar was das alles wirklich bedeutet. Die Zimmer Türen meiner WG stehen wieder offen. Wir rufen Dinge durch den Flur. Können uns sehen, hören und anfassen. Als ich den alten Kaffeesatz aus der French Press kratze, laufen mir Tränen über die Wangen. Ich mache unbeirrt weiter. Spüle das Glasgefäß sauber und befülle es mit frischem Kaffee. Gestern hatte ich noch nicht zu hoffen gewagt, dass wir uns wiedersehen würden. Ich hatte mich gar nicht mehr getraut, mich auf irgendetwas zu freuen. Die Vorfreude und damit ja auch irgendwie die Hoffnung habe ich in meinem Kopf abgestellt.

Meine Tränen schmecken salzig. Sie fallen mir direkt in den Mund, weil ich so sehr lachen muss. Ich kann gar nicht mehr aufhören zu lachen und dabei zu weinen. Es ist einfach zu viel Glück auf einmal.

Meine Tränen schmecken salzig. Sie fallen mir direkt in den Mund, weil ich so sehr lachen muss. Ich kann gar nicht mehr aufhören zu lachen und dabei zu weinen. Es ist einfach zu viel Glück auf einmal. Zwei Wochen lang bin ich nur mit Maske durch Wohnzimmer, Küche und Bad gelaufen und habe mich eigentlich nur in meinem 12qm-Zimmer länger als eine halbe Stunde aufgehalten. In unserer WG-Gruppe haben wir Emojis von rennenden Menschen geschickt, wenn wir unsere Zimmer verlassen haben. Das Leben war angehalten. Nicht so wie es seit einem Jahr angehalten ist, es war ernsthaft angehalten. Ja, klar, ich habe gelebt. Es war okay. Es war sogar einigermaßen entspannt. Ich hab nicht wahnsinnig viel gelitten, aber erst jetzt ist die Play-taste wieder gedrückt. Jetzt stehen unsere Zimmertüren wieder offen. Ich kann einfach an die Zimmertüren meiner Mitbewohner*innen klopfen und nach einem halblauten „ja?“, darf ich endlich wieder meinen Kopf zu ihnen hereinstecken.

Ich hab anfangs gedacht, dass so eine Isolation das Schwein jetzt auch nicht mehr dick macht (nein, wie geht das Sprichwort? Egal!). Jedenfalls dachte, ich dass sich ja gar nicht so viel ändert. Die paar Kontakte, die ich gerade habe, kann ich auch kappen, dass verändert die Situation auch nicht mehr wirklich. Dabei habe ich aber die ganze Zeit den wichtigsten, offensichtlichsten Punkt vergessen: In der Isolation fehlen meine Mitbewohner und die sind meine wichtigsten Sozialkontakte. Bevor ich heißes Wasser zum Kaffee gieße, wische ich mir die Tränen aus dem Gesicht.

Endlich wieder Kaffee für zwei.

An diesem ersten freien Tag sitzen wir drei den ganzen Tag lang zusammen. Erst mit Kaffee, dann mit Brot, Käse und Gurkenscheiben, abends mit Take-Away essen und nachher mit Schokolade und abgelaufenem sparkling wine. Wir machen nichts Besonderes. Unsere Gespräche kommen und gehen. Mal schweigen wir und mal lachen wir, aber eins ist klar: an diesem ersten Tag will niemand von uns mehr in sein Zimmer gehen und die Tür schließen. Ich will überhaupt nie wieder eine Tür in dieser Wohnung schließen. Ich will sie alle offen lassen. Den ganzen Tag und die ganze Nacht lang.

Recap 07.

Ich stehe in der Küche. Werfe orange Möhren mit roten Paprika-Würfeln zusammen in eine Pfanne. Es brutzelt leise. Heute war einer dieser leichten Tage und zwar aus einfachen Gründen. So ist das doch immer bei leichten Tagen. Sie überzeugen durch ihre unaufgeregte Ruhe und an ihrem Ende, weiß man gar nicht mehr, warum gerade jetzt ausgerechnet dieser Tag zwischen all den anderen so verdammt gut war. Na gut: dieses Mal weiß ich es. Heute schien mir die Sonne ins Gesicht, während der warme Frühlingwind all meine lästigen Alltags-Gedanken davongetragen hat. Lästige Alltags-Sorgen, die das Wort „Sorge“ nicht verdienen. Sie sind nicht wirklich negativ und auch nicht schlecht. Es sind eben einfach grau-gedachte, schwere Gedanken. Aber heute wurde ich daran erinnert, dass sie auch davongetragen werden können. Während ich tippe, färben sich die Möhrenscheiben in karamellisiertes braun und die Paprika verbrennt beinahe. Heute saß ich mit einer Freundin am Kanal in der Saune mit dieser Leichtigkeit im Bauch. Die Leichtigkeit ist zwischen alles andere gerutscht. Zwischen das salzige Karamelleis, eine weitere Kugel Haselnusseis und einen Cappucino.

Die Leichtigkeit ist zwischen alles andere gerutscht. Zwischen das salzige Karamelleis, eine weitere Kugel Haselnusseis und einen Cappucino.

Wir sitzen also am trägen Wasser und sprechen darüber, dass wir nicht brennen. Wir brennen nicht, weil die Inspiration fehlt. Unsere Leben könnte gerade genauso gut von irgendjemand anderes gelebt werden. Uni, Sport, Freunde draußen manchmal mit ein bisschen Milchschaum dabei, Filme, Bücher – aber wo sind wir da? Heute habe ich bemerkt, was mir sonst fehlt. Leichtigkeit, Spontanität, Flow – also Dinge, die einfach passieren. Wann wurde ich das letzte Mal überrascht? Wahrscheinlich an Weihnachten vor anderthalb Monaten als ich ein Geschenk ausgepackt habe, dass ich nicht erwartet hatte. Ich brenne nicht. Ich schreib nicht gerne darüber was fehlt, zumindest wenn ich daran nichts ändern kann. Ich denke auch nicht allzu viel über so was nach. Ich versuche es zumindest.

In letzter Zeit wünsche ich mir häufig eine fiktive Person, die mich in den Arm nimmt und irgendwie alles wegnimmt. Und alles weg, das heißt doch letztlich das nur eins bleibt: sein. Einfach nur sein.  Diese fiktive Person in meinen Gedanken zeigt mir, was mir fehlt, was ich mir wünsche. Ich würde gern wieder leben, aber ich habe nur diesen Rahmen – jetzt, hier – den ich ausfüllen kann. Ich kann den Rahmen nicht ändern und das will ich auch gar nicht. Ich lebe in dem Rahmen und das ist okay. Nur manchmal ist es das mal mehr und mal weniger.

Ich kann den Rahmen nicht ändern und das will ich auch gar nicht. Ich lebe in dem Rahmen und das ist okay.

Das Essen ist fertig. Ich rieche den Essensduft nicht mehr. Ich stehe schon zu lange in der Küche. Meinen Oberkörper über den Bildschirm gebeugt. Meine Füße sind mittlerweile kalt. Ist es nicht bizarr, dass ich gerade heute an diesem befreienden Tag voller Leichtigkeit darüber nachdenke, was mir fehlt? Ist es nicht bizarr, dass draußen schon wieder die Vögel singen und ich darüber nachdenke, was ich vor genau einem Jahr gemacht habe? Ja, ja das ist es. Genauso bizarr wie der Moment als ich dann endlich esse und schon nach drei Bissen nichts von dem schmecke, was ich da gekocht habe.

meine unendlichen Träume und meine begrenzte Menge Zeit

Ich habe jede Menge Ziele und Träume. So viele, dass ich meistens nicht einmal weiß wo ich anfangen soll. Manchmal macht es mich wahnsinnig, dass ich so viel will und so wenig schaffe.

Seit Jahren denke ich darüber nach, ob ich mich zu wenig anstrenge? Ob ich alles stehen und liegen lassen sollte, für meine Träume? Das ist doch schließlich die Vorstellung, die unsere Generation von diesen Dingen hat. Wir sind der Meinung, dass wir uns nur genug anstrengen müssen, um alles zu erreichen was wir uns vornehmen. Wir müssen Kompromisse eingehen, verzichten und kompromisslos arbeiten. Fehlt bei mir also das Gen, der Hussler und Produktivitäts-Biester, die alle anderen in dieser Generation zu haben scheinen und ist das wirklich eine schlechte Entwicklung? Ich meine, will ich wirklich meine Freunde, lange Nächte, billigen Wein und fliegende Wolken gegen die Erreichung meiner Ziele eintauschen? Sind meine Ziele das wert? Was bringt es Ziele zu erreichen, wenn man währenddessen vergisst zu leben? Wo sind die Grenzen und wie finde ich sie?

Manchmal macht es mich wahnsinnig, dass ich so viel will und so wenig schaffe.

Das krasse ist ja, dass ich die meisten meiner Ziele schon jetzt erreichen kann. Der Zeitpunkt jetzt ist so gut wie in dreißig Jahren. Ich brauche quasi nur zu zupacken. Das ist ein wunderbarer, befreiender Gedanke. Dieser Gedanke macht mir aber auch Angst, denn ich nehme mir die Zeit nicht. Zumindest nicht in den Zeiten, wenn es eng wird. Ich ziehe nicht durch. Ich fange an, ich habe gute Vorsätze und dann kommt das Leben, oder ich, wie ich meinen Terminkalender überfülle als wäre es ein Süßigkeitenglas. Ich habe nicht die Motivation mich durch diesen vollen Terminkalender zu stressen, stattdessen lasse ich zu diesen Zeiten also meine Ziele los. Wahrscheinlich liegt genau da das Problem. Die anderen Dinge in meinen Leben mit denen ich mich beschäftige haben eine Deadline. An ihnen hängen die Erwartungen von anderen Menschen, die es zu erfüllen gilt. An den meisten Dingen hängt soviel mehr als nur meine eigenen Ziele. Aka meine Hausarbeit, die meine Seminarleiterin bis zum 25. August erwartet. Auf die Ausarbeitung meines Protagonisten warte nur ich.

Ich weiß von mir selbst, dass ich hohe Ansprüche an mich selbst. Manchmal sind sie so hoch, dass ich sie nicht überwinden kann. Ich weiß das selbst über mich, dennoch fällt es mir schwer zu akzeptieren, dass ich an meinen eigenen Zielen immer und immer wieder scheitere. Mittlerweile wird mir aber auch klar, dass ich vielleicht einfach zu viel will. Nein, ich weiß, dass ich zu viel will.

Ein Tag hat eben nur eine begrenzte Anzahl an Stunden. Auch wenn ich mir manchmal wünsche, dass die Anzahl der Stunden so unendlich wäre wie meine Ziele und Träume. Feststeht auch, dass ich mich zwischen meinen Zielen nicht entscheiden kann Ich kann mir nicht vorstellen ein Ziel nach dem anderen zu erreichen. Ich will alles gleichzeitig und zwar möglichst bald. Noch kann ich keine Prioritäten setzen, aber vielleicht kann ich es irgendwann einmal.

Und jetzt interessiert mich noch, was ihr zu alldem sagt. Könnt ihr nachempfinden, was ich beschreibe? Wart ihr selbst auch schon einmal in so einer Situation? Irgendwelche Gedanken, Ideen, Gefühle zu all den Fragen, die ich aufgeworfen habe- ich bin offen für alles und freue mich über jeden Kommentar.

Okay, bye. Ich setze mich jetzt einen weiteren Tag in die matte Sonne und vergesse meine Ziele, wenn ihr mich dabei begleiten wollt, folgt gerne meinem Instagram-Account.

„Max, Mischa und die Tet-Offensive“ von Johan Harstad | Rezension

Das Buch „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ von Johan Harstad ist in vielen Bereichen etwas ganz anderes, als alles, was ich bisher gelesen habe. Es ist dabei aber trotzdem kein Buch, das ich durchweg loben kann. Es hat beides – sehr viel Potenzial, witzige Dialoge, seltsame Begebenheiten und schöne Figuren, aber auch seine Länge, sinnlose Abschnitte oder Sätze, die so lang sind, dass man den Faden verliert. Außerdem sei schon einmal vorne weg gesagt, dass es eine lange Rezi wird. Das Buch hat nämlich 1200 Seiten und ich habe eine Menge dazu zu sagen. Kurz könnt ihr es auf meinem Instagram Account finden 😉

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Writing Friday | Stef, Stefs Büro und sein schwarzer Kaffee

Hier folgt ein weiterer Writing Friday. Die Aufgabe war: Versuche „Er war verliebt“ in einer Szene zu beschreiben, ohne die Wörter „Liebe“ oder „verliebt“ zu gebrauchen.Wie eigentlich immer habe ich mich nicht so ganz genau an die Vorgabe gehalten. Denn in meiner Geschichte ist SIE verliebt und streng genommen, ist die Geschichte nicht so ganz eine Szene, aber egal, es geht ja um kreatives Schreiben. Das ist eine Idee, die ich schon ein wenig länger im Kopf habe. Irgendwie habe ich aber auch das Gefühl, als würde ich langsam so schreiben wie ich schreiben. Ich weiß nicht, ich komme mir gerade selbst langweilig vor. Im nachhinein hätte ich Lust auf ein Happy Ende, aber egal. An dieser Geschichte habe ich ungefähr eine Woche gesessen und sie bleibt jetzt so. Beim nächsten Mal werde ich versuchen meine eigenen Grenzen mal wieder zu sprengen 😉

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Die vier Sätze, die mich vom Schreiben abhalten

Es gibt diese Sätze in meinem Kopf über deren Existenz ich mir lange überhaupt nicht bewusst war. Es sind Sätze, die meinen mich bestimmen zu können. Sätze über das Schreiben, die ich lange einfach geglaubt habe. Es ist irgendwie erschreckend, wenn man genauer hinsieht und feststehlt wie lange man sich da eigentlich selbst Quark erzählt hat. Ich habe schon oft Artikel gelesen, in denen genau die Sätze, die ich mir selbst erzählt habe, entkräftet wurden. Ich habe immer gedacht „ja, ja. Ist ja logisch. Das weiß ich doch schon lange.“ Ja, das ist alles logisch, aber das heißt noch lange nicht, dass ich die Sätze auch wirklich aus meinem Kopf gestrichen hatte. Aus dem Grund teile ich die Sätze jetzt mit euch. Mir ist bewusst, dass jeder in seinem eigenen Kleiderschrank wühlen muss um herauszufinden, was in den hintersten Schubladen verborgen liegt, aber vielleicht können meine Sätze eure Sätze ja anstupsen.

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Writing Friday | Mein Netflix Konto packt aus

Die Schreibaufgabe für diesen Writing Friday lautet: „Dein Netflix Konto packt aus – was lief dort die letzten paar Wochen?“ Ich lasse an dieser Stelle meinen Netflix Account zu Wort kommen. Ich denke, er hat eine Menge zu erzählen.

Puhh, endlich komme ich auch mal zu Wort. Denn ich kann euch sagen, mir brennt da so einiges auf der Seele.

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„Makarionissi“ von Vea Kaiser | Rezension

„Makarionissi“, der Titel den ich zwar vermeintlich aussprechen, aber nicht schreiben kann, von Vea Kaiser erzählt eine wunderschöne und zugleich tragische Familiengeschichte, die mich gleich in seinen Bann geschlagen hat.

Die Enkelkinder würden heiraten, sie würden die Familie in Vartisi zu erneutem Erstarken führen. Nun konnte die Zeit des Friedens beginnen, von der sie träumte, seit sie als junge Frau vom Meer aus die Rauchschaden über ihrer Heimat gesehen hatte.“

Seite 16

Mit diesen Worten von der Großmutter, Yiayia Maria beginnt die Familiengeschichte, die mehrere Generationen ins Unglück stürzen wird. Denn Yiayia Maria hatte im Traum ein Zeichen gesehen. Yiayia war sich sicher, dass ihre Enkelkinder und Cousinen Eleni und Lefti heiraten sollten, um die Familie zu neuem Glanz zu führen. Doch etwas hat Yiayia Maria vergessen…

Nur an eine Sache dachte sie in ihrer Erleichterung nicht: dass Sonnenblumen die Blumen der unglücklichen, hoffnungslosen Liebe waren. Das würde ihr erst ein Jahrzehnt später einfallen, als bereits alles zu spät war.

Seite 16

Und damit beginnt die Odysse meherer Generationen. Es geht um die Suche nach der Liebe. Um griechische Restaurants in österreichischen Fußgängerzonen und um Macarionissi, die Insel der Seligen. Kurz und gut: Es ist eine Familie auf der Suche nach dem Glück.

Ich stehe total auf ein wenig Tragik, Drama und Pathos in Geschichten und dieses Buch vereint alle dieser drei Dinge. In den oberen Zitaten erkennt man bereits sehr gut die Struktur und Erzählweise dieses Romans, die es einerseits so anspannend und andererseits so tragisch machen. Die Geschichte wird dabei jedoch nie zu einem wirklichen Drama. Die schicksalhafte Wendungen dienen vor allen Dingen dazu die Romanfiguren in neue Richtungen zu lenken und bringen viel Schwung und Spannung in die Geschichte hinein. Doch traurig ist die Geschichte nun wirklich nicht.

Durch die ständigen Wendungen entsteht eine stetige Spannung. Niemals ist für einen längeren Zeitraum alles gut. Doch das Schöne ist, dass nicht alles einfach immer schlimmer wird. Ich würde das ungefähr so beschreiben: Die Figuren stehen vor den Ruinen ihres alten Hauses. Also bauen sie ein Neues. Voller Eifer und Elan und bald sitzen alle auf der Terrasse und erfreuen sich der tollen Aussicht. Was ihnen aber nicht klar ist: Das Haus steht direkt neben einem Abgrund und es kann sich nur noch um wenige Jahre handeln, bevor es abstürzt… Manchmal weiß der Leser wie nahe das Haus an einem Abgrund steht und manchmal nicht. Fest steht, irgendwann brechen die Kartenhäuser immer zusammen.

Die Geschichte hat für mich von der Spannung her nur einen Einsacker. Nach der Hälfte habe ich mich nämlich gefragt, wo das alles noch hinführen soll. Wo ist der Schlussstrich? Werden wir diese Familie und ihre Kindeskinder immer weiter und weiter begleiten? Doch als dann die Enkel von Eleni die Buchseiten einnehmen, war ich wieder Feuer und Flamme. Von mir aus hätten die Enkel und Söhne auch eine eigene Geschichte haben können. Ich hätte ihnen jedenfalls noch ewig folgen können.

Das zweite Buch von Vea Kaiser hat mir also unglaublich gut gefallen. Nun hoffe ich in ferner Zukunft auch einmal ihr Debüt lesen zu dürfen. Außerdem ist im letzten Jahr ja ihr drittes Buch erschienen. Da gibt es also noch viel zu entdecken.

Writing Friday | Von Bananen und Zahnlücken

Die Schreibaufgabe für diesen Writing Friday ist in eine Geschichte fünf Wörter einzubauen, nämlich Frühlingsbrise, bunt, Zahnlücke, Banane und kitzeln.

Eine sanfte Frühlingsbrise streichelt seine bleiche Haut. Er schaut aus dem Fenster – die Hände auf dem geöffneten Fensterrahmen. In den Rillen unter seinen Händen liegt eine tote Wanze, zerquetschte Blätter und eine Handvoll Erdbrocken. Er hatte doch etwas gewollt, aber was war es denn bloß gewesen? Verwirrt schaut er auf seine faltigen Hände. Diese Hände haben das Haus erbaut in dem er gerade steht, sie haben seiner Tochter die Haare aus dem Gesicht gestrichen, sie haben widerspenstiges Unkraut heraus gerissen, seine Frau gestreichelt, mit dem Zeigefinger gedroht, als seine Enkelin durch die Beete rannte und alles umpflügte wie ein Mähdrescher – an all das kann sich Heinrich jedoch nicht erinnern. Zumindest kann er es jetzt gerade nicht. Manchmal schießt eine Erinnerung noch unerwartet in seinen ansonsten leeren Geist. Seine Hände haben gehalten, ausgeteilt, eingesteckt, geliebt, gelitten, getrocknet, und jetzt gerade werden sie nass. Es hat zu regnen angefangen und Heinrich schaut auf seine Hände, als sähe er sie zum ersten Mal. Fasziniert schaut er dabei zu wie lauter kleine Flecken auf seinen Händen landen. „Papa!“ Heinrich dreht sich nicht um. Die Stimme ist ihm vertraut, doch viel mehr als die eindringliche Stimme beschäftigt ihn, was er gerade noch tun wollte. Suchend schaut er nach draußen. Auf den kargen Hof unter ihm, der nur ganz allmählich wieder grün wird. Heinrichs Tochter, Anna tritt neben ihn. Für Heinrich ist sie eine Frau. Eine Frau, die ihm wage bekannt vorkommt, aber ganz sicher ist er sich da nicht. „Komm Papa, wir machen das Fenster mal wieder zu, ja?“ Heinrich umklammert den Fensterrahmen noch fester als zuvor. Anna nimmt ihn an den Armen und versucht ihm von dem Fenster fort zu führen, doch Heinrich hält sich fest. Anna schnaubt genervt. Mit sanfter Stimme versucht sie ihn zu überzeugen: „Schau, es regnet schon herein. Wir müssen das Fenster zumachen.“

Sie greift nach seinen Händen und will sie von dem weißlackierten Holz lösen. Doch Heinrich kann noch nicht loslassen. Zuerst muss er sich erinnern. Er ist sich mittlerweile absolut sicher, wenn er sich jetzt nicht erinnern wird, dann wird es sich wohl nie wieder erinnern. Mittlerweile hat sich der feine Nieselregen in schwere Regentropfen verwandelt. Der Wind frischt auf und lässt beide, Vater und Tochter zusammenzucken.

In letzter Zeit wird es immer schwerer mit ihm und Anna wird zusehends gereizter auch im Umgang mit ihrem Vater. Wovor sie jedoch wirklich Angst hat, ist den Vater abgeben zu müssen – in fremde Hände. Jemand anderes würde seine wenigen Haare kämmen, den Bart stutzen, für ihn waschen und kochen und seinen zitternden Körper in der Dusche abbrausen. Wenn sie daran denkt, schließt sie die Augen und senkt den Blick. „Papa“ mahnt sie nun bereits mit drängender Stimme. „Ich kann das heute nicht“ murmelt sie unter ihrem eigenen Atmen. Sie schaut ihren Vater flehentlich an. Der hellblaue Stoff von Heinrichs Sweatshirt wird an den Ärmeln und seiner Brust bereits dunkelblau. Anna versucht den Blick ihres Vaters auf sich zu ziehen und zu ihm durchzudringen, doch Heinrich schaut noch immer starr auf seine Hände mit den dunkelbraunen Altersflecken und versucht sich zu erinnern. Anna hat die Nase voll. Sie streichelt nun nicht mehr sanft den Rücken ihres Vaters, sie zieht und zerrt an ihm. „Ich kann das heute nicht, Papa. Bitte, kannst du nicht einfach …“. Und dann beginnt Heinrich zu schreien. Heinrich schreit, als wäre er soeben erstochen worden. So als rage eine Säbelschwert aus seiner Brust. Er schreit wie ein abgestochenes Tier. Heinrich denkt nicht mehr. Er hat einfach nur Angst. Er fühlt sich wie das Kaninchen, dass er als kleiner Junge seinem Vater zum Schlachten bringen sollte. Heinrich kann den schnellen Herzschlag des kleine Tieres an den Fingerspitzen spüren. Heinrich und das Kaninchen sind heute eins. Nur, dass das Kaninchen nicht schreien konnte.

Erschrocken zuckt Anna von ihrem Vater zurück. Für einen Moment steht sie unschlüssig neben ihrem Vater, dem noch immer der Regen ins Gesicht peitscht. Dann reicht es ihr. Mit all ihrer Kraft versucht sie Heinrich von seinem Fensterplatz abzubringen, während Heinrich noch immer wie eine Sirene kreischt. Dann erscheint Isi, die Tochter von Anna und die Enkelin von Heinrich mit ihrem bunt gemusterten Kleid in der Tür. In der einen Hand hält sie eine Banane und mit der anderen hält sie sich ein Ohr zu. Einen Moment bleibt sie stehen und schaut zu ihrer Mutter, die an ihrem Opa reißt. Langsam geht sie zu Heinrich. Sie legt ihre Hand über seine. Anna sieht ihre Tochter und hört für einen Moment auf an Heinrich zu reißen. Isi steht da und hält Heinrichs Hand. Sie hält ihm die Banane hin und dann wird Isi‘s Opa ganz langsam immer leiser. Er sieht die Banane in der Hand eines kleinen Mädchens. Die gelbe Farbe und die seltsame Form. Bananen machen Heinrich glücklich. Zögerlich nimmt er die Hände von dem Fensterrahmen und nimmt die Banane entgegen. Er bedankt sich wie er das gelernt hat und Isi schenkt ihm ein schönes Lächeln voller Zahnlücken. Anna atmetet tief durch. Ihre Hände zittern. Sie wirft ihrer Tochter einen dankbaren Blick zu und führt Heinrich zu seinem Sessel. Isi setzt sich auch Heinrichs Schoß. Ihre langen blonden Haare kitzeln ihm im Gesicht, aber sie stört ihn nicht weiter. Im Gegenteil das kleine Gewicht auf seinen Knien beruhigt ihn im selben Maß wie die Banane.  

"Wenn das Leben dir eine Schildkröte schenkt" von Heike Duken | Rezension

In dem Roman „Wenn das Leben dir eine Schildkröte schenkt“ von Heike Duken verstirbt die Schildkröte ‚Charly‘. Alle Familienmitglieder machen sich auf den Weg zum Haus von Oma Frieda und Opa Heinrich, um Abschied zu nehmen. Es wird ein Tag, an dem alte Geheimnisse gelüftet werden, lang anbahnende Entwicklungen endlich ihren Abschluss finden und sich jedes Familienmitglied seinen ganz eigenen Herausforderungen stellen muss.

Vor 40 Jahren nahm mit der Schildkröte Charly alles seinen Lauf. Heinrich brachte sie den Kindern von Frieda mit, um Frieda für sich zu gewinnen. Das Auftauchen der Schildkröte in der Familie und ihr Sterben bilden damit den Rahmen für die gesamte Geschichte.

„Wenn das Leben dir eine Schildkröte schenkt“ ist eines dieser Bücher, die heimlich, still und leise eine ganze Bandbreite von verschiedenen Themen ansprechen von Stiefvätern, Demenz, Zugehörigkeit bis hin zu Homosexualität. Die verschiedenen Familienmitglieder kommen abwechselnd zu Wort. Die Geschichte wird dabei nicht stringent erzählt. Mal bekommen wir hier einen sonnigen Tag an einem See mit Max zu sehen oder vielmehr zu erleben und dann wieder wie Heinrich und Frieda sich kennenlernten. Doch das tut dem Lesefluss keinen Abbruch. Im Gegenteil, die Geschichte wird so umso spannender und vielfältiger. Damit dieser Aufbau funktioniert, ist es vor allen Dingen wichtig, dass wir zu jeder Figur eine Beziehung aufbauen und es Spaß macht der Familie durch die Jahre zu folgen. Das ist Duken auf jeden Fall gelungen.

Die Charaktere sind dreidimensional, authentisch und voller kleiner und großer Macken. Von den Figuren her habe ich mich wohl mit Heinrich am schwersten getan. Ich dachte zu Beginn des Buchs aufgrund der Figur von Heinrich, dass die gesamte Handlung eine vollkommen andere Richtung nehmen würde. Trotzdem konnte ich schließlich auch Heinrich verstehen. Auch, wenn er nicht meine liebste Figur war, habe ich ihn verstanden und mit ihm gelitten. Ich denke, ich kann für viele sprechen, wenn ich sage, dass Max jedoch meine liebste Figur war. Zuerst war er mir ein wenig suspekt. Ich fand ihn einfach nicht sympathisch, aber im Laufe der Entwicklung konnte ich ihn immer besser leiden und sehen, dass da auch ein gutes Herz in der (Papier-)Brust schlägt.

Ansonsten ist noch wunderbar rüber gekommen wie verschieden, schrill und komplementär diese Familie ist. Ich liebe es, wenn man merkt, dass in den familiären Beziehungen Konflikte und Probleme herrschen, aber trotzdem die Liebe dazwischen überwiegt und letztlich der ganze Schmerz weggelacht werden kann. 

 Ein sehr schönes Buch mit viel Humor, Ehrlichkeit und so nah am Leben, dass es sich angefühlt hat als würde ich eine Geschichte über meine eigene Familie lesen.